«Bis zur Fussball-WM könnten 4000 Arbeiter sterben»

In Katar werden ausländische Bauarbeiter laut einem Medienbericht wie Sklaven gehalten, und es gab schon viele Tote. Gewerkschafter machen die Fifa mitverantwortlich, die nun Druck auf die WM-Organisatoren ausübt.

Die Probleme waren längst erkannt und die Warnungen unmissverständlich. «Katar ist ein Sklavenhalterstaat», sagte Sharan Burrow, Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbunds (IGB), bereits Anfang dieses Jahres. «Um die Infrastruktur zu bauen, werden wahrscheinlich mehr Arbeiter sterben als die 736 Fussballer, die bei der WM 2022 auf dem Rasen stehen.» Die Generalsekretärin des IGB sollte Recht behalten. Die Bauarbeiten für die fragwürdige Fussball-WM im reichen Wüstenstaat haben bereits Dutzende von Toten gefordert, wie die britische Zeitung «The Guardian» berichtet.

Allein zwischen dem 4. Juni und dem 8. August seien mindestens 44 Arbeiter aus Nepal gestorben – mehr als die Hälfte davon an den Folgen eines Herzinfarkts oder Arbeitsunfalls. Die Todesfälle ereigneten sich im Zusammenhang mit den Bauarbeiten für das Urbanisierungsprojekt Lusail City entlang der Ostküste unmittelbar nördlich von Doha, der Hauptstadt Katars. In Lusail City wird unter anderem das Lusail Iconic Stadium gebaut. Im Stadion, das über 86′000 Zuschauern Platz bieten wird, sollen das Eröffnungsspiel und das Endspiel der WM 2022 ausgetragen werden.

«Wir arbeiteten zwölf Stunden am Tag mit leerem Magen»

Eines der verantwortlichen Unternehmen, die Lusail Real Estate Development Company, zeigte sich in einer ersten Reaktion besorgt über die Arbeitsbedingungen der Migranten auf den WM-Baustellen. Man werde Vertragspartner und Subunternehmen dazu drängen, die Standards bei Gesundheits- und Sicherheitsfragen zu erfüllen. Aus einer Stellungnahme des Arbeitsministeriums von Katar geht hervor, dass es keine unwürdigen Arbeitsbedingungen geben würde, wenn die bestehenden Gesetze befolgt würden. Offenbar machen die Behörden aber zu wenig, um die Gesetze durchzusetzen. Der katarische Staat, aber auch die Fifa hätten schon lange Verbesserungen versprochen, kritisieren Gewerkschafter. Es sei aber nichts geschehen.

Laut «Guardian» werden die ausländischen WM-Arbeiter wie «moderne Sklaven» gehalten. Viele von ihnen würden seit Monaten nicht bezahlt. Zugleich sei ihnen der Pass weggenommen worden, damit sie nicht abreisen könnten. Auch gebe es trotz der Hitze von bis zu 50 Grad kein kostenloses Wasser für die Arbeiter. «Wir arbeiteten zwölf Stunden am Tag mit leerem Magen», sagt ein 27-jähriger Bauarbeiter aus Nepal. «Als ich mich beschwerte, wurde ich rausgeworfen und nicht bezahlt.» Andere Arbeiter berichten von schmutzigen Unterkünften, wo sich mehrere Personen ein kleines Schlafquartier teilen müssten. Viele von ihnen seien krank geworden. Die Berichte des «Guardian» stützen sich auf Dokumente der nepalesischen Botschaft in Doha, wo etwa 30 Nepalesen Zuflucht suchten, um der misslichen Lage zu entkommen.

Millionen Migranten für die Fussball-WM

Allein für die WM-Bauprojekte sollen im vergangenen Jahr mehrere Hunderttausend Arbeiter aus Nepal, aber auch Sri Lanka und Indien in Katar eingereist sein. In Katar arbeiten bereits rund 1,2 Millionen Migranten. Für die Fussball-WM werden noch 1,5 Millionen Arbeitskräfte benötigt, um die ehrgeizigen Baupläne zu realisieren. Katar investiert rund 75 Milliarden Euro in den Bau von Stadien, Hotels und Infrastruktur.

Mit den sklavenähnlichen Zuständen und den Todesfällen von Gastarbeitern ist auch die Botschaft Indiens in Doha konfrontiert. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres starben 82 indische Gastarbeiter, ausserdem gingen bei der Botschaft 1460 Beschwerden ein. Zwischen 2010 und 2012 sollen über 700 Arbeitskräfte aus Indien gestorben sein, wie der «Guardian» berichtet. Die miserablen Arbeitsbedingungen in Katar – aber auch in anderen Golfstaaten – sind kein neues Phänomen. Es bestand schon lange, bevor die Fifa am 2. Dezember 2010 in Zürich die WM 2022 an Katar vergab. Wegen der Fussball-WM ist Katar aber in den internationalen Fokus gerückt.

Fifa: Gespräche mit Katar und Diskussion im Exekutivkomitee

Der Weltfussballverband zeigt sich in einer kurzen Stellungnahme «sehr besorgt» über die Berichte über die missbräuchlichen Arbeitsbedingungen in Lusail City. Er werde deshalb wieder Kontakt mit den Behörden in Katar aufnehmen. Zudem soll das Thema an der Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees in der kommenden Woche in Zürich diskutiert werden. Wegen der Zustände in Katar steht auch die Fifa in der Kritik.

Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hat inzwischen erneut Alarm geschlagen. Wenn die katarischen Behörden nichts gegen die schlechten Arbeitsbedingungen unternehmen würden, werde die Zahl der Todesfälle fortschreiten wie bisher. «Dann könnten bis zum Beginn der Fussball-WM 2022 mindestens 4000 ausländische Arbeitskräfte sterben.» Und das in einem Land, das zu den reichsten der Welt gehört.

Quelle

die obligatorische e-mail-kampagne:

FIFA must break the conspiracy of silence over the treatment of migrant workers in Qatar and make workers’ rights a condition of Qatar hosting the World Cup in 2022.

Save lives, restore the game’s integrity and the trust of fans: tell FIFA to choose a World Cup venue where workers’ rights are respected.


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